“Wir machen Ökostrom anfassbar”

“Unsere Regionalstromplattform macht erneuerbaren Strom erlebbar und weckt damit Emotionen”, sagt Michael Starp von Harz Energie. Entwickelt wurde das Produkt von Alliander. Außerdem stimuliert die Lösung die Nachfrage nach lokal erzeugter Energie, erläutert Joyce van de Garde von Alliander im ZfK-Interview.

Frau van de Garde, Alliander und Harz Energie haben eine Regionalstromplattform namens ENTRNCE vor einigen Monaten umgesetzt. Wie funktioniert diese?
Joyce van de Garde, Leiterin Innovation und Digitalisierung bei der Alliander AG: Unsere White-Label-Plattform koordiniert Nachfrage und Angebot von Ökostrom aus der Region. Mit Hilfe der Plattform können Stadtwerke und Versorger regionale Produzenten von erneuerbaren Energien mit regionalen Verbrauchern zusammenbringen. Der entscheidende Vorteil unserer Lösung ist, dass der Ökostrom anlagenindividuell vermarktet und abgebildet werden kann. Sie kann außerdem als sogenannte Software as-a-Service- Struktur (SaaS) völlig unkompliziert über den jeweiligen Browser bedient und in alle gängigen operativen Businessprozesse integriert werden.

Sie haben sich das Prädikat ehrlich bei Ihrer Plattformlösung auf die Fahne geschrieben. Wie darf man das verstehen?

Van de Garde: ENTRNCE macht die Herkunft der Energie nachvollziehbar. Sie gibt der Energie ein Gesicht. Über die Plattform erhalten die Endverbraucher Einblick in die Stromlieferung. Sie können ganz genau einsehen, wieviel Strom sie von welcher Anlage bekommen und auch verbrauchen. Von der direkten und transparenten Zuordnung von Erzeugung und Verbrauch protieren die regionalen bzw. kommunalen Versorger. Diese Transparenz ist überhaupt erst die Voraussetzung dafür, dass die Verbraucher sich stets sicher sein können, wirklich Grünstrom aus der Region zu beziehen. Das stärkt nicht nur das Image des Stadtwerks, sondern trägt auch dazu bei, dass die Haushalte ihren Beitrag zur Energiewende aktiv wahrnehmen können.

Herr Starp, was war für Harz Energie ausschlaggebend, sich für die Plattform zu entscheiden?

Michael Starp: Bei Harz Energie stand das Thema Regionalstrom bereits im Vorjahr ganz oben auf der Agenda. Da kam das Angebot von Alliander zum richtigen Zeitpunkt. So konnten wir das ohnehin geplante Regionalstromprodukt mit einer digitalen Plattform unterlegen, die dem Kunden ermöglicht, seinen Ökostrommix individuell zusammenzustellen. Das ist im Nachhinein denitiv der richtige Schritt gewesen. Da wir als Harz Energie sowohl über Wasserkraft-, als auch PV- und Windkraftressourcen verfügen, konnten wir mit der Plattform von Alliander das fehlende Glied zwischen unseren Erneuerbare-Energien-Anlagen, dem Stromprodukt und unseren Stromkunden herstellen.

Und auch wenn es vielleicht abgedroschen klingt: Aber das Thema Corona bringt die Region auch wieder näher zusammen. Die Menschen aus dem Harz leben und arbeiten hier. Sie gehen wandern und erholen sich in der Region. Es gibt regionale Vermarktungsansätze und Handelsplattformen, um den Einzelhandel zu stützen. Da fehlte noch ein regionaler Strommarktplatz.

Wie wird dadurch der Ausbau der Erneuerbaren vorangetrieben?

Van de Garde: Grundsätzlich stimuliert die Plattform die Nachfrage nach lokal erzeugter Energie und führt dazu, dass diese optimal genutzt werden kann. Die Folge ist eine gesteigerte Akzeptanz von Erneuerbaren-Anlagen in der Region und folglich auch der Energiewende im Allgemeinen.

Erzeuger und Verbraucher erhalten darüber Einblick in die Herkunft ihres Stroms. Die Plattform ist im Grunde genommen der Inbegriff eines klassischen und transparenten Marktplatzes, der die Ezienz des Marktgeschehens deutlich steigert, weil er grundlegende Verzerrungen von vornherein ausschließt. Das hat nicht nur zur Folge, dass die Nutzer regionalen Strom oder die Versorger neue Geschäftsmodelle in diesem Bereich erschließen, sondern steigert die allgemeine Funktionalität des Marktes für die Energie von Morgen.

Herr Starp, Harz Energie verfügt ja bereits über ein Ökostrom Produkt. Warum haben Sie sich zusätzlich für die Regionalstromplattform entschieden?
Starp: Aus vertrieblicher Sicht ist die Plattform ein Produkt, dass erneuerbaren Strom erlebbar macht und damit Emotionen weckt. Wir haben zwar schon lange ein Ökostrom-Produkt im Portfolio, was mit internationaler Wasserkraft unterlegt ist und mit Zertikaten zu Grünstrom gemacht wird. Aber diese „grüne“ Komponente ist schwer greifbar. Mit der Alliander-Plattform haben wir nun die Möglichkeit, Ökostrom durch den regionalen Bezug emotional aufzuladen. Eine Folge war, dass gleich zu Beginn der Markteinführung zahlreiche Anfragen von Kunden kamen, ob die beteiligten Wasserkraftanlage besichtigt werden könne. Mit anderen Worten: Mit ENTRCE machen wir Ökostrom „anfassbar“.

Für wen ist die Plattform gedacht: für Endverbraucher oder für Anlagenbetreiber?

Starp: Für beide. Was die Anlagenbetreiber betrifft, so war uns wichtig, alle mitzunehmen. Für die Anlagenbetreiber, die derzeit noch im EEG sind und daraus ihre Vergütung beziehen, machen wir Angebote und geben Ihnen damit die Möglichkeit, einen wirtschaftlichen Mehrwert zu generieren. Für die Anlagenbetreiber, die ausgefördert sind, bieten wir eine Perspektive für den weiteren Betrieb. So haben wir etwa den Strom zweier Post-EEG-Windkraftanlagen aufgekauft. Diese Anlagen speisen nun in unser Regionalstromprodukt ein und stehen den Kunden auf der Plattform zur Auswahl.

Wo sehen Sie das Produkt langfristig?
Starp: Der regionale Strom wird langfristig seinen festen Platz im Vertriebsportfolio nden. Davon bin ich fest überzeugt. In welchem Umfang entscheiden jedoch die Kunden. Die Alliander-Plattform wird aber dazu beitragen, dass Strom durch die anlagenscharfe Zuordnung für Kunden emotionaler bzw. erlebbarer wird und sie sich folglich für die regionale nachhaltige Form der Energie entscheiden.

Gibt es im Bezug auf Regionalstrom auch Herausforderungen?

Starp: Die große Herausforderung für Versorger liegt in der Nutzenkommunikation und der Preisgestaltung. Wir sprechen bei Strom immerhin über ein Verbrauchsprodukt. Und dieses ist auch bereits ohne die Veredelung zum Regionalstromprodukt für Familien und Gewerbe-/Industriebetriebe ein teurer Spaß. Die Zahlungsbereitschaft für hochwertige regionale Produkte ist bei einigen Kunden nachweisbar gegeben. Aber diese Gruppe ist aktuell noch überschaubar. In dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit müssen wir folglich den Produktnutzen gut kommunizieren. Eine weitere Herausforderung ist sicherlich, dass Anlagenbetreiber akquiriert werden müssen. Gerade Post-EEG-Anlagen werden keine langjährigen Stromlieferanten werden. Insofern ist es insbesondere für kleinere und mittlere Energieversorger eine Herausforderung, konstant neue Anlagen unter Vertrag zu nehmen.

Van der Garde: Wir bieten hier auch eine Lösung zur Anlagenakquise. Mit unserem smarten EE-Navigators können Anwender alle erneuerbaren Erzeugungsanlagen in ihrer Region mit einem Klick nden. Er offenbart alle Anlagen, ihre Betreiber und das spezische Auslaufen aus der EEG-Förderung. Das Regionalnachweisregister des Umweltbundesamts ist ebenfalls direkt eingebunden. Denn dieser Nachweis macht regionalen Ökostrom erst zu einem authentischen Regionalstromprodukt.

Ist die Lösung eigentlich Smart Meter kompatibel?

Van der Garde: Die Plattform ist auf den voranschreitenden Smart-Meter-Rollout vorbereitet und kann auf Basis der übermittelten Verbrauchsdaten beispielsweise auf den jeweiligen Kunden individuell zugeschnittene Tipps und Hinweise bereitstellen. So ist es möglich, zum Beispiel sofort eine den individuellen Präferenzen entsprechende Empfehlung des optimalen Erzeugungsmix der zur Verfügung stehenden EE-Anlagen zu erhalten.

Wie ist das erste Fazit nach den ersten Monaten der Implementierung?

Starp: Das erste Fazit ist klar positiv. Die Prozesse funktionieren. Hier und da gibt es mal eine Nachfrage. Die Mitarbeiter müssen sich natürlich auch erst mal an die Plattform gewöhnen. Durch die laufende Integration in die Systemlandschaft, sind wir noch nicht am Ende. Ein klarer Vorteil ist aber, dass der Mehrwert des Produktes eine gute Resonanz ndet.

Gibt es weitere Pläne?

Starp: Wir wollen unser Regionalstromprodukt mit weiteren Mehrwerten belegen. So möchten wir künftig noch stärker mit regionalen Akteuren zusammenarbeiten, die für das Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz stehen und in der Kooperation das Regionalstromprodukt weiter emotional auaden: Eine Win-Win-Situation für alle. Und vor allem für die Region. (sg)

Der Artikel wurde am 31.03.21 im ZFK veröffentlich: https://www.zfk.de/digitalisierung/smart-city-energy/wir-machen-oekostrom-anfassbar